Um ein Haar wäre der Alpensteinbock für immer aus seiner einstigen Heimat verschwunden. Vor über 100 Jahren kehrte er nach Graubünden zurück – auf den Schienen der RhB.
Bahnhof Zernez, 19. Juni 1920. Auf dem Perron stehen Menschen beisammen, Blasmusik erklingt. Neugierige Blicke folgen den sieben Transportkisten, die eben mit der Rhätischen Bahn eingetroffen sind. Für gewöhnlich bringt der Zug Reisende, Gepäck, Post und Waren ins Engadin. An diesem Tag aber besteht die kostbare Fracht aus drei Böcken und vier Geissen. Über die Schienen der RhB kehrt zurück, was in Graubünden längst verschwunden war − der Steinbock.
Drei der Tiere stammen aus dem Wildpark Peter und Paul in St. Gallen, die restlichen aus dem Wild- park Harder bei Interlaken. Im Güterschuppen von Zernez verbringen die Neuankömmlinge die Nacht.
Am nächsten Morgen übernimmt Hermann Langen, der erste Parkwächter des noch jungen Schweizerischen Nationalparks, die kostbare Fracht. Zunächst geht es mit dem Pferdefuhrwerk in Richtung Ova Spin, danach werden die schweren Kisten von Trägern transportiert. Rund 150 Menschen begleiten den Tross zu Fuss. Langen hat dafür eigens einen Pfad durch die dichten Legföhren geschlagen, hin- unter nach Punt Praspöl, über den damals noch ungezähmten Spöl und auf der anderen Seite wieder bergauf. Man sieht sie beinahe vor sich: die Träger mit ihrer lebenden, schweren Last, den schmalen Weg durch unwegsames Gelände. Und über allem die Hoffnung, die Tiere erfolgreich wiederanzusiedeln. Endlich werden die Kisten geöffnet. In wenigen Sekunden sind die Tiere zwischen Fels und Legföhren verschwunden.
Dass dieser Moment überhaupt möglich wurde, grenzt an ein Wunder – allerdings an eines, dem Menschen kräftig nachhelfen mussten. Über Jahrhunderte war der Steinbock gejagt und immer weiter zurückgedrängt worden. Feuerwaffen machten die Jagd effizienter, Wälder wurden gerodet, Weideflächen für Nutztiere reichten zunehmend in höhere Lagen. In Zeiten von Missernten und Hunger wurde das Wild in den Bergen zur begehrten Nahrung. Und so war der Steinbock in Graubünden bereits im 17. Jahrhundert verschwunden. Ausgerechnet jenes Tier, das die Region seit Jahrhunderten auf Wappen und Siegeln repräsentierte – als Bild allgegenwärtig, in den Bergen jedoch nicht mehr zu finden.
Als 1809 im Wallis das letzte Tier erlegt wurde, galt die Art in der ganzen Schweiz als ausgerottet. Nur südlich der Alpen hatte eine kleine Population überlebt: im schwer zugänglichen Gebiet des Gran Paradiso, zwischen Aostatal und Piemont. Dort stellte Vittorio Emanuele II. die Tiere unter seinen Schutz. Allerdings nicht allein aus Sorge um die Art. Die Jagd auf den «König der Berge» sollte künftig dem italienischen König selbst vorbehalten bleiben. Ironie der Geschichte: Ausgerechnet die königliche Jagdleidenschaft rettete den Steinbock vor dem endgültigen Verschwinden.
In der Schweiz wuchs derweil der Wunsch, den einst heimischen Bergbewohner zurückzuholen. Doch die Tiere im Gran Paradiso gehörten dem König, und der dachte nicht daran, auch nur eines davon abzugeben. Offizielle Gesuche blieben ohne Erfolg. Die Wiederansiedlung schien an einer Landesgrenze und am Willen eines Monarchen zu scheitern. Bis einige Männer beschlossen, den Steinbock notfalls auch auf illegalem Weg über die Grenze zu schmuggeln. So nahm eine der erfolgreichsten Artenschutzgeschichten der Schweiz ihren Anfang.
Ab 1906 gelangten junge Steinböcke aus dem Gran Paradiso in die Schweiz. Wilderer brachten Kitze über die Grenze. In St. Gallen, im Wildpark Peter und Paul, wurden sie aufgezogen und gezüchtet. Aus Schmuggelgut wurde Zuchtbestand. Aus einer heiklen Anfangsgeschichte entstand mit der Zeit ein nationales Artenschutzprojekt. Die ersten Tiere wurden 1911 im Weisstannental im Kanton St. Gallen freigelassen. Graubünden folgte 1914 mit einer Aussetzung am Piz Ela, doch dieser Versuch blieb ohne dauerhaften Erfolg. Bis sechs Jahre später die Rückkehr des Wappentiers von Graubünden am Bahnhof Zernez ihren Anfang nahm.
Ein Jahrhundert später fährt der Steinbock wieder Zug. Seit 2020 tragen die modernen Capricorn-Triebzüge seinen rätoromanischen Namen durch Graubünden. Damals kam das Wappentier in sieben Kisten über die Schienen nach Zernez. Heute bevölkert es den ganzen Kanton – und ziert an vorderster Stelle die Triebfahrzeuge der RhB. (rea)
Prossima fermata – die erfolgreiche Wiederansiedlung
1934 wurde eine weitere Aussetzung filmisch begleitet.
In den Contura Stories bringen wir Ihnen die vielfältige Welt von Graubünden näher. Tauchen Sie ein in die Geschichten, die sich hinter den Kulissen von invia abspielen.