Einen Steinwurf von Chur entfernt erhebt sich über Feldis der Dreibündenstein. Wer den Weg dorthin unter die Füsse nimmt, wird mit Glücksgefühlen und einem Rundum-Panorama belohnt.
Wenn sich die Sonne nur noch knapp über die Berggipfel stemmt, wenn die Bise den Nebel Richtung Graubünden bläst und die Sommerwärme nur noch ferne Erinnerung ist – kurz: wenn die dunkle Jahreszeit das Land in den eiskalten Griff nimmt, gibt es zwei Möglichkeiten: daheim hinter dem Ofen sitzen bleiben oder mit der RhB oder dem Postauto zur Himmelsleiter fahren. Die da heisst Luftseilbahn Rhäzüns–Feldis (LRF).
Schon die Fahrt auf die Sonnenterrasse Feldis/Veulden auf 1 500 Meter ist ein Erlebnis: Unten mäandert der unverbaute Rhein durch das Tal, auf den Bergwiesen sind mit etwas Glück Rehe oder Hirsche zu entdecken, und in den Felswänden zeigen Gämsen, wie alpines Kunstturnen geht.
Zehn Minuten, viele Aahs, Oohs und 700 Höhenmeter später endet die Leiter vielleicht nicht ganz im Himmel. Aber viel schöner und friedlicher kann es auch weiter oben kaum mehr werden. Feldis ist ein kleines Dorf ohne grössere touristische Begleiterscheinungen: keine Durchgangsstrasse, dafür schmale Gassen und alte Häuser. Wenn die Ruhe ein Daheim hat, dann hier. Diese Ruhe zieht auch Vanessa Caviezel immer wieder nach Feldis. Meist begleitet sie Lenaya, ihre dreijährige weisse Schäferhündin, die sich – ehe man sichs versieht – mit ihrem freundlichen Wesen mitten ins Herz geschlichen hat. «Feldis mit seinen Möglichkeiten ist für mich der perfekte Ort, um zu mir selbst zu kommen, nach der Arbeit Kraft zu tanken», sagt die Pflegefachfrau und Spitex-Teamleiterin auf dem Weg zum Dreibündenstein auf knapp 2 200 Metern.
«Ich wohne in Chur. Mit dem öV ist dieser Ort nur einen Steinwurf entfernt. Und doch ist es eine andere Welt. Kein Motorenlärm, kein Stress, nur Natur.»
Diese Natur ist eingerahmt von einem Panorama, das sich kaum vollständig aufzählen lässt: Tödi, Calanda, Vorab, Lenzerhorn, Beverin, Montalin, Ringelspitz, Finsteraarhorn – und wie die Hörner, Piz und Höcker alle heissen. Die Aufzählung ist alles andere als vollständig. Je nach Route blickt man hinunter nach Chur, hinauf ins Oberland oder hinüber ins Schanfigg. Auch die Möglichkeiten zum Wandern, Spazieren oder Schneeschuhlaufen sind schier grenzenlos. Wie ein Spinnennetz ziehen sich Wege über die Hochebene oberhalb von Feldis: mal einfach und genussvoll, mal fordernd und einsam. Aber kaum je wirklich streng. Hier lädt eine Beiz zum Aufwärmen ein, dort führt der Weg mitten hinein in die Stille, wo einem kaum Menschen, dafür umso mehr Holzskulpturen begegnen. Die Winterwanderwege sind gut markiert, aber der Blick auf eine Wanderkarte lohnt sich trotzdem.
Ein Sessellift nahe dem Dorf bringt Wanderer und Skifahrerinnen hinauf zur Alp Raguta. Alles geht «patschifig», wie sie hier sagen, selbst der Sessellift ruckelt nur langsam, aber sicher bergwärts. Auf Raguta ziehen Schlittschuhläuferinnen ihre Kreise auf dem Eisfeld, während Eisstockschützen am perfekten Schuss feilen. Und klar, Feldis ist auch Ausgangspunkt für Skitouren und verfügt über eine Schlittelbahn.
Über allem aber thront Vanessa Caviezels heutiges Ziel: der Dreibündenstein. Er markiert einen geschichtsträchtigen Ort. Den einzigen dreifachen Grenzpunkt des damaligen Freistaats der Drei Bünde: Grauer Bund, Gotteshausbund und Zehngerichtenbund. Der ursprüngliche Grenzstein von 1722 ist heute im Rätischen Museum in Chur zu besichtigen; an seiner Stelle steht eine Replik. Unweit des Dreibündensteins liegt unter der heute dicken Schneedecke ein weiterer Gedenkstein: 1944 zerschellte hier ein amerikanischer Bomber, getroffen von der deutschen Flugabwehr in Süddeutschland. Die elfköpfige Besatzung konnte sich rechtzeitig vor dem Absturz mit Fallschirmen retten.
Im Sonnenschein glitzert der Schnee wie Silber. Zum historischen Stein führt der letzte Abschnitt nur mit Schneeschuhen über den Harsch. Lenaya scheint darüber hinwegzuschweben. Ihre Pfoten berühren kaum den Boden. Für Zweibeiner ist der dreiviertelstündige Schlussanstieg ein bisschen anstrengender, aber gut machbar. Kurz vor dem Ziel bleibt Vanessa Caviezel stehen. Nicht, weil ihr die Kraft ausgeht, sondern weil sie innehält, tief atmet und um sich schaut.
«Wenn ich oben bin, Lenaya bei mir habe, die Berge sehe, meinen Körper und die Kälte auf der Haut spüre – und ausser meinen Schritten und dem Wind nichts zu hören ist –, überkommen mich unbeschreibliche Glücksgefühle. Dann bin ich dem Leben unendlich dankbar. Solche Momente kann man, glaube ich, nur in den Bergen erleben.»
Die Wintertage in den Bergen sind kurz. Vom Tal her kriechen schon die länger werdenden Schatten hoch. Die untergehende Sonne gibt nochmals alles und entzündet die Schneegipfel rot. Es wird Zeit für die Himmelsleiter. Diesmal gehts nach unten. Vanessa Caviezel nimmts gelassen: «Nach einer Wanderung auf den Dreibündenstein sind meine Batterien aufgeladen. Wir kommen sowieso bald wieder.» Lenaya wedelt zustimmend. (fb)
Feldis – Dreibündenstein – Feldis
Eine Winterwanderung oder Schneeschuhtour von Feldis auf den Dreibündenstein dauert ab Feldis (ohne Sesselbahn) ca. 4:10 h. Ab Bergstation Sesselbahn Mutta verkürzt sich die Wanderzeit auf ca. 3:30 h (ca. 9 km).
In den Contura Stories bringen wir Ihnen die vielfältige Welt von Graubünden näher. Tauchen Sie ein in die Geschichten, die sich hinter den Kulissen von invia abspielen.