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Immer im Fluss

Abenteuer in der Ruinaulta

invia – öV Graubünden

Rafting auf dem Rhein zwischen Versam und Reichenau – wo Wasser, Felsen, Zeit und Maud Verboven eine gemeinsame Sprache sprechen.

Nach einem Gewitter tobt, sprüht und rauscht er durch die steilen Wände der Ruinaulta. Er reisst Geröll mit sich, poliert Felsen und knickt Bäume um. Doch an Tagen wie diesen zeigt der Rhein seine sanfte Seite: hellgrün, fast durchsichtig, ein glitzerndes Band, das sich friedlich durch Kies und Sand schlängelt.

Hier, in dieser Landschaft aus Stein und Wasser, beginnt Maud Verbovens Tag. Und – wie könnte es anders sein – auf dem Wasser. Während andere mit dem Auto zur Arbeit fahren, nimmt sie das Kajak. Vis-à-vis der RhB-Station Versam steht ein Holzgebäude der gleichnamigen Kanuschule. Auf Gestellen liegen Kajaks wie buntes Treibgut, drinnen Neoprenanzüge, Helme, Füsslinge, alles nach Grösse sortiert. «Ordnung schafft Überblick. Überblick schafft Sicherheit. Und diese hat bei uns oberste Priorität», sagt die Wildwasserspezialistin, während sie das Raft, mit dem sie gleich unterwegs sein wird, sorgfältig prüft. «Zero Risk – so lautet unsere Devise.»

Ein Bruch, der alles veränderte

Die 46-jährige Holländerin arbeitet seit 2009 hier. Davor war sie Sportlehrerin und Gesundheitsberaterin in ihrem Heimatland – bis der frühe Tod ihrer Mutter sie aus der Bahn warf. «Nach dieser Erfahrung habe ich mein Leben komplett geändert. Ich habe nur noch getan, was ich wollte und nicht, was man von mir erwartete.» Sie träumte von der Schweiz. Suchte Bewegung, Freiheit, Risiko – das Wasser. Und fand den Rhein und seine spektakuläre Schlucht. Hier ist sie in den warmen sechs Monaten im Kanu, Kajak und Raft unterwegs. Was ihr am besten gefällt an ihrem Beruf? «Auf dem Wasser ist absolute Konzentration gefordert. Andere Gedanken haben keinen Platz. Das hat etwas sehr Befreiendes.»

Zehn Kilometer Abenteuer

An diesem Vormittag im August wartet eine italienische Familie am Ufer des Rheins: Vater, Mutter, zwei Kinder, angereist aus Mailand, um «Natur zu spüren». Alle sprechen durcheinander, fröhliches Lachen erfüllt die Luft. Maud Verboven, trotz tiefliegender Wolken ein sonniges Gemüt, gibt das Zeichen zum Start. Es warten zehn Kilometer von Versam nach Reichenau. Und zwei Stunden Abenteuer, Naturschönheit und ordentlich Spritzwasser ...

Nach einem sanften Gleiten zieht der Rhein an. Maud Verboven sitzt hinten im Raft, ruft klare Kommandos, korrigiert die Linie, wenn die Strömung zu stark drückt. Die Kinder paddeln voller Eifer. Dem Jüngsten sind die kleinen Stromschnellen nicht geheuer, er kämpft mit den Tränen. Tapfer beisst er die Zähne zusammen. Nach der nächsten Kurve taucht ein riesiger Felsblock auf: «Bruce Springstein», wird er genannt – nicht von ungefähr. Der mächtige Findling ist ein perfektes Sprungbrett für jene, die noch nicht nass genug sind. Die ganze Familie kraxelte hoch und springt johlend ins kühle Nass.

«Wenn der Vorderrhein blau ist, scheint in Flims die Sonne.»

Zwischen den Stromschnellen öffnet sich die Landschaft. Die Schlucht wirkt still, beinahe ehrfürchtig. Grau und Weiss wechseln sich ab, Felsen stehen wie gefrorene Wellen. Ruinaulta, «hohe Geröllhalde», wird sie von den Einheimischen genannt. Geschaffen hat diese Welt der Flimser Bergsturz vor rund 10 000 Jahren. Heute erweist sich diese Naturkatastrophe als Glücksfall. Die Ruinaulta selbst ist ein einziges Biotop, in dem Orchideen blühen und seltene Vögel wie der Flussregenpfeifer und der Flussuferläufer brüten. Und klar – durch und um die Rheinschlucht führen unzählige Wanderwege und Spaziergänge.

Perspektivenwechsel

Wer oben an der Plattform Il Spir (der Mauersegler) steht, überblickt wie ein Vogel die Schlucht, sieht den roten Zug der RhB in eleganten Bögen folgen, hört das ferne Rauschen des Wassers. Von dort oben wirken die Kajaks, Kanus und Rafts auf dem Rhein klein wie Spielzeug. Unten auf dem Fluss hingegen ist alles gross: das Licht, die Geräusche des Wassers, die Gegenwart.

Maud Verboven kennt jede Kurve, jeden Stein. Sie nennt den Rhein liebevoll die «gute Mutter» – geduldig, stark, verlässlich. Den Seitenfluss Glenner, der gerne zickt, dagegen die «Schwiegermutter». Sie lacht fröhlich.

Kurz vor Reichenau, dort, wo Vorderrhein und Hinterrhein zusammenfliessen, verändert sich das Wasser. Zwei Farben, zwei Temperamente treffen aufeinander. «Wenn der Vorderrhein blau ist, scheint in Flims die Sonne», sagt sie. «Ist er grau, regnet’s.» So wie heute.

Feuchtfröhliches Teamwork

Eine Wildwasser-Rafting-Tour ist einfach und genial zugleich. «Man spürt, dass es auf das Team ankommt, und nicht auf den Einzelnen. Das schafft Vertrauen zu anderen und Verbundenheit mit sich selbst», sagt Verboven, als sie die italienische Familie sicher an Land bringt. «Und, Natur gespürt?», fragt sie augenzwinkernd zum Abschied. Alle vier strecken die Daumen in die Höhe und versichern: Wir kommen wieder! Maud Verboven nickt zufrieden. Sie kennt das: Wer auf dem Fluss ist, vergisst die Zeit – und fühlt sich lebendig.

Geht im Herbst die Raftingsaison auf dem Rhein zu Ende, zieht es die Sportsfrau in die Wärme, nach Kolumbien, Ecuador, Indien. Es gebe überall wunderschöne Flüsse zum Kajakfahren. «Ich liebe dieses Leben. Im Fluss sein mit dem Fluss – das ist für mich das Grösste.» (rea)

 

Rheinschlucht

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invia
Publiziert am: 29.04.2026

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