Heute rollt der Glacier Express Sommer wie Winter durch die Alpen. Angefangen hat alles vor rund 150 Jahren mit einer kühnen Idee.
«Wir begraben dieser Tage ein Kleinkind, das zu schwach war, nach langer Kälte und Mangel.» Dieser Eintrag aus dem Jahr 1893 im Pfarreibuch von Obergesteln steht stellvertretend für das harte Leben in vielen Dörfern zwischen Brig und Disentis. Die Täler der späteren Furka-Oberalp-Bahn-Strecke waren geprägt von langen Wintern, kurzen Sommern, Hunger, Armut, Auswanderung und der Gewissheit, grösstenteils von der Welt abgeschnitten zu sein. Aus dieser Not, aber auch aus Hoffnung entstand gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Gedanke, eine Bahnlinie zu bauen, die Wallis, Uri und Graubünden miteinander verbinden sollte – die erste durchgehende schmalspurige Alpenquerung überhaupt: Die Brig-Furka-Disentis-Bahn (BFD).
Die Bahn war weit mehr als ein technisches Projekt. Sie war ein Versprechen: Zugang zu Märkten, Handel und Arbeit. Sie sollte Holz, Käse oder landwirtschaftliche Produkte ins Tal hinausbringen und damit die Menschen ein Stück näher an die Schweiz und die Welt rücken. Auch der Tourismus war vor 150 Jahren Geburtshelfer. Damals entdeckten reiche englische Reisende die Alpen als Ferienort für sich. In einem St. Moritzer Hotel leuchtete 1879 zum ersten Mal elektrisches Licht – ein Zeichen dafür, wie sich die Bergwelt langsam wandelte. Dass hier einst der berühmte Glacier Express vorbeifahren würde, ahnte zu jener Zeit noch niemand.
Im Zweiten Weltkrieg wurde die Bahn zur strategischen Lebensader – sie transportierte Truppen und lebenswichtige Güter durch die Berge. Und als später in den 1950er- und 60er-Jahren überall im Alpenraum Kraftwerke entstanden, fuhren ungezählte Züge voller Baumaterial ins Goms, ins Urserental und ins Tavetsch.
Der Weg zum heutigen Erfolg der Bahnstrecke zwischen St. Moritz und Zermatt war lang und steinig. 1914 wurde der erste Abschnitt zwischen Disentis und Sedrun eröffnet – genau in dem Jahr, in dem Europa in den Ersten Weltkrieg stürzte. Material fehlte, viele vorwiegend italienische Arbeiter mussten zurück in ihre Heimat. Trotzdem wuchs die Strecke weiter, bis am 3. Juli 1926 endlich die vollständige Verbindung stand. Zum ersten Mal konnte man durchgehend vom Wallis über Uri nach Graubünden reisen – allerdings nur im Sommer. Der Furkapass liegt auf über 2400 Metern Höhe und verschwand monatelang unter Schnee und Lawinen. Jedes Jahr musste man Brücken abbauen und im Frühling wieder aufbauen.
1973 begann darum der Bau des Furka-Basistunnels – ein gigantisches Projekt, das den ganzjährigen Bahnverkehr sicherstellen und das Risiko in den winterlichen Alpen stark reduzieren sollte. 1982 fuhr der erste Autoverlad durch den Tunnel, und 1990 wurde die Hauptstrecke endgültig vom Pass ins Berginnere verlegt.
Seither rollt auch der Glacier Express das ganze Jahr durch einige der schönsten Landschaften der Schweiz – gemeinsam betrieben von der Matterhorn Gotthard Bahn (MGBahn) und der Rhätischen Bahn (RhB). Was einst als kühne Idee und Hoffnung für abgelegene Täler begann, ist heute eine der berühmtesten alpinen Zugstrecken der Welt. (fb)
Proxima fermada – Glacier Express
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