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So schön ist das Land am Rand

Nervenkitzel am Stelviopass

invia – öV Graubünden

Carina Scandella fährt Postautopassagiere durch ein meist unbekanntes, archaisch-schönes Stück Schweiz vom Val Müstair ins Veltlin. Die Reise geht durch viele Sprach- und Kulturräume und ist geprägt von Geschichte und Geschichten.

«Sie ist eine Künstlerin», sagt jemand auf den hinteren Sitzen des Postautos und meint damit Carina Scandella. Das ist nicht übertrieben. Denn was die junge Frau auf der Postautofahrt von Müstair über den Stelviopass (Stilfser Joch) und wieder hinunter nach Tirano leistet, ist Millimeterarbeit. Die Strasse ist oft nicht breiter als das gelbe Fahrzeug selbst. Manch einem entgegenkommenden Autofahrer mit Kennzeichen aus flachen Gefilden treibt der Anblick der engen Verhältnisse Schweissperlen auf die Stirn: Oben scheinen die Berggipfel am Himmel zu kratzen, unten gähnt die Tiefe. Dass sich an diesem Tag die halbe Welt auf Velos und Motorrädern am Stelvio trifft, macht das Ganze nicht übersichtlicher. Doch die junge Bündnerin ist die Ruhe selbst: «Es ist schon besser, wenn man hier nicht nervös wird. Sonst bist du am falschen Ort», sagt sie und lächelt. Als Carina Scandella später dann auch noch das Postauto acht Zentimeter hydraulisch absenken muss, um einen Tunnel zu meistern, steigt wohl das eine oder andere Stossgebet himmelwärts. Als das Gröbste vorbei ist, klatscht der ganze Bus Applaus.

Immer wieder anders

Warum tut man sich als Postautofahrerin eine solche Strecke überhaupt an? «Es ist doch kein Antun», sagt die Frau, die sich ihren Fahrgästen mit Vornamen vorstellt. «Ich liebe diese Route, sie ist immer wieder anders. Andere Menschen, anderes Wetter, anderes Licht und vor allem: Sie ist wunderschön.» Dem ist nicht zu widersprechen. Die Postautofahrt nach Italien führt durch die unterschiedlichsten Kultur- und Sprachräume und weit zurück in die Geschichte. Der Grossteil der Passagiere ist von jenseits des Alpenkamms angereist und spricht Deutsch. Im Val Müstair sprechen die Menschen das rätoromanische Jauer, ab dem Stelviopass bis Tirano Italienisch. Sozusagen nur einen Steinwurf entfernt unterhalten sich die Menschen auf Pus’ciavin, der Sprache der Puschlaver.

Den meisten Passagieren ist dieses archaisch-schöne Stück Schweiz am Rande des Landes unbekannt. Während sich das Postauto zunächst auf den Umbrail und dann das Stilfserjoch hinaufkämpft, wird die Gegend immer karger. Ab und zu sieht man eine aufgegebene Steinhütte. Die leeren Fenster sind wie blinde Augen. Bis nach dem Ersten Weltkrieg trafen hier Österreich, die Schweiz und Italien aufeinander. Die Dreisprachenspitze unweit der Passhöhe erinnert noch daran, dass zwischen 1914 und 1918 die Armeen der drei Länder einander gegenüberstanden. Italien und Österreich-Ungarn kämpften hier oben um das Südtirol, das nach dem Ende des Ersten Weltkriegs Italien zugeschlagen wurde. Die meisten Toten forderten aber wohl die grausame Kälte, der Hunger und die Lawinen.

«Ich liebe diese Route, sie ist immer wieder anders. Andere Menschen, anderes Wetter, anderes Licht und vor allem: Sie ist wunderschön.»

Heute kämpft man auf dem Pass höchstens noch um Parkplätze oder einen Tisch im Restaurant. Wer sich die Mühe nimmt, findet aber noch Spuren verschütteter Schützengräben und zerfallener Gefechtsstellungen.

Gelernte Bäuerin und Pferdeliebhaberin

Carina Scandella pilotiert – als erste Frau überhaupt – nicht nur ihr Postauto sicher durch diese Gegend. Sie weiss auch über Sehenswürdigkeiten, Geschichte und Geschichten der Region Bescheid. Die schönsten Wasserfälle? Wo schon die Römer gebadet haben? Die besten Fotospots? Carina Scandella kennt alles und mehr. Sie hilft beim Aufladen der Velos oder bei Bedarf auch beim Ein- und Aussteigen. Und klar kennt sie auch die besten Pizzerien am Endpunkt der Reise im Veltlin. Man könnte meinen, die 34-Jährige hätte in ihrem Leben nie etwas anderes gemacht, als Postautos und Fahrgäste so sicher und angenehm wie möglich von A nach B zu chauffieren. Aber es gibt noch eine ganz andere Carina: «Ich liebe Tiere, bin gelernte Bäuerin und zunächst eher widerstrebend und auf sanften Druck meines Vaters hin Chauffeuse geworden», erzählt sie bei einem Fotozwischenhalt. «Inzwischen bringe ich beide Berufe unter einen Hut. Ich bin Postauto-Chauffeuse, zusammen mit einer Kollegin führe ich aber auch einen Hof für pensionierte Pferde und habe Hunde und Katzen. Das ist eine perfekte Kombination. Das Fahren – gerade die Stelvio-Strecke – fordert mental, die derzeit 26 Pferde eher körperlich. Eine gute Kombination.» Und wie bringt Frau alles unter einen Hut? «Reine Willenssache und die Gewissheit, dass ich privilegiert bin.» Was geben ihr die Tiere? «Sehr viel. Sie lügen nicht, lieben bedingungslos, und sind wie ein Spiegel. Gehe ich am Morgen in den Stall, sehe ich den Tieren an, wie es mir geht.»

Zuhause im Val Müstair

Nach gut drei Stunden fährt das Postauto in Tirano ein. Noch ein letzter Applaus für die Frau am Steuer. Dann hat das Stadtleben mit dem Rummel und der Hektik alle Passagiere wieder. Carina Scandella hat einen Moment Pause, sitzt in einem Strassencafé und schaut dem Treiben zu. Reizt es sie nicht, mal für eine Zeit das Val Müstair gegen eine Stadt auszutauschen? Sie zeigt auf die Menschen, die es alle irgendwie eilig haben, mit dem Handy hantieren, während sie darauf warten, dass die Ampel grün wird. «Stadt? Nein, nie. Wenn ich das sehe, frage ich mich, wie man so gestresst durchs Leben gehen kann.» Dann nimmt sie die Fahrt zurück in die Ruhe des heimatlichen Val Müstair unter die Räder. Heim zu ihren Menschen, ihrer Familie, ihren Tieren und ihren Wurzeln. (fb)

 

Stelvio-Linie

Die hochalpine Busstrecke ist täglich ab Mitte Juni bis Anfang September in Betrieb. Ab September bis Mitte Oktober nur Mittwoch, Samstag und Sonntag. Die Fahrt ist auch in der Gegenrichtung möglich. Eine Platzreservation – bis spätestens um 19 Uhr am Vortag – ist erforderlich. Ab Tirano geht es mit der Rhätischen Bahn zurück in die Schweiz.

postauto.ch/stelvio-linie

invia
Publiziert am: 29.04.2026

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