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Graubünden aus der Vogelperspektive

Zwischen Thermik und Technik

invia – öV Graubünden

Wenn ein RhB-Ingenieur mit Bartgeiern am Himmel fliegt, hat das nichts mit Wunschvorstellungen zu tun – sondern mit Thermik, Technik und Bauchgefühl. Orlando Molinari ist ein Gleitschirmpilot, der mit beiden Beinen auf dem Boden steht.

Prüfend schaut sich Orlando Molinari um und was er sieht, fühlt und spürt, gefällt ihm: Ein paar Kumuluswolken zieren den Himmel über dem Prättigau, die Sonne stemmt sich über die Berge, die Thermik nimmt zu – einem Flug über den halben Alpenkamm ins Engadin und über die Bernina steht nichts im Weg. Eigentlich. «So genau weiss man das nie im Vorhinein», sagt der Oberbauleiter Infrastruktur der RhB. Und sowieso hat alles – auch die sprichwörtliche Freiheit über und unter den Wolken – seinen Preis. Heute ist es ein knackiger, schweisstreibender Aufstieg zum Startplatz auf das Luderer Egg hoch über Fanas. Der 39-Jährige geht mit schnellen Schritten und einem rund 20 Kilo schweren Rucksack voran und hat trotzdem noch genügend Reserve, um zu erzählen. Etwa davon, wie es ihm schon bei den allerersten Flugversuchen vor 15 Jahren den Ärmel reingezogen hat. «Ich wusste sofort: Das ist es, das will ich.»

Die Sache mit den Gefühlen

Der Weg zum Gleitschirmpiloten ist kein einfacher und mit mindestens 50 Höhenflügen und einer abschliessenden praktischen Flugprüfung gepflastert. Angehende Piloten und Pilotinnen schlagen sich auch mit einer theoretischen Prüfung in Materialkunde, Meteo, Flugpraxis, Fluglehre und Gesetzgebung herum. Und wer diese Prüfungen besteht, beherrscht die Lüfte? Orlando lächelt: «Theorie ist wichtig. Doch Erfahrung ist das A und O. Erst mit dem Fliegen wirst du ein guter Pilot.»

Kein Tag ist wie der andere, jeder Berg, jedes Tal stellt unterschiedliche Anforderungen. «Wir sind zwar mit hochentwickelten technischen Hilfsmitteln wie GPS, Funk oder Variometer ausgerüstet. Aber erst mit der Zeit entwickelst du ein Gefühl für unerwartete Situationen und meteorologische Verhältnisse. Regelmässiges Fliegen und Sicherheitskurse helfen, bei starken Turbulenzen einen kühlen Kopf zu bewahren und den Schirm offen zu halten.»

Überhaupt das Gefühl: «Wenn ich nach einem Aufstieg auf dem Berg stehe und nicht weiss, ob ich fliegen soll oder nicht, höre ich auf meinen Bauch. Der sagt im Zweifelsfall, dass es besser ist, wieder runterzulaufen, als etwas zu riskieren.»

Warten auf die günstigen Winde

Auf der Luderer Egg angekommen, hat sich die Wettersituation verändert: Die Thermik ist abgebrochen. Orlando Molinari bleibt gelassen. «Wir müssen einfach noch ein bisschen warten. Das kommt schon gut.» Wir nutzen die Zeit, über seinen Beruf zu reden. «Meistens geht es um den Umbau von RhB-Bahnhöfen – von den ersten Studien bis zur Ausführung», erklärt der Ingenieur, der an der ETH studiert hat. Das klingt überschaubar – schliesslich hat der Bündner mit französischen Wurzeln das ja gelernt. Doch dann erzählt er von Einsprachen, von Verhandlungen mit Anwohnerinnen und Anwohnern, Umwelt- und Behindertenverbänden, von kantonalen und lokalen Baugesetzen oder eingeschränkten Platzverhältnissen. Und auf einmal erscheint einem Molinaris Job ziemlich kompliziert. «Stimmt», sagt er, «aber ich liebe meine Arbeit mit allen Herausforderungen, die sie bietet. Probleme lösen – das liegt mir.» Ausserdem habe er einen grosszügigen Arbeitgeber. «Ich kann meine Aufgaben selbst einteilen und an einem Tag wie heute mit dem Gleitschirm losziehen. Das schätze ich wirklich sehr.» Das Losziehen geschieht in aller Regel mit Bahn, Postauto und Bergbahnen. Molinari – wie übrigens die meisten Gleitschirmpiloten – ist ÖV-Fan. Nicht nur, weil er bei der RhB arbeitet. «Erstens fahre ich gerne Zug und zweitens weiss man ja im Voraus nie genau, wo man wieder Boden berührt.» Es kann auch mal das Zillertal sein. Dort ist Orlando einmal nach dem Start in Fiesch VS bei seinem bis anhin weitesten Flug über 300 km entfernt gelandet.

Mit Adlern und Bartgeiern fliegen

Inzwischen hat die Thermik wieder Fahrt aufgenommen – ein bisschen wenigstens. Noch reicht es nicht, um über die Berge hinüber ins Engadin zu fliegen. Beim Warten erzählt er von seiner Familie, seiner Tochter Aurora, und dass die Geburt des Mädchens Einfluss auf seine Flüge hat. Sie seien nicht mehr so häufig und auch mit weniger Risiko verbunden. «Auf einmal habe ich noch mehr Verantwortung und überlege mir noch intensiver, ob ich etwas riskieren will oder nicht.»

Trotzdem: Fliegen bleibt sein liebster Sport. Warum eigentlich? «Es hat mit Freiheit zu tun – einfach mit der Kraft der Winde und der Sonne loszufliegen, die Welt von oben zu sehen. Wenn du dann auch noch mit Adlern und Bartgeiern den Aufwind teilst und Höhe gewinnst, ist das unbeschreiblich. Unter dem Strich ist es eine Kombination aus Freiheit, Naturerlebnis, Technik und persönlicher Herausforderung.» Dann geht es auf einmal schnell: Die Thermik stimmt, Orlando Molinari macht ein paar Schritte und lässt sich von unsichtbaren Kräften in die Höhe tragen. Drei Stunden und 20 Flugkilometer später ruft er an: «Alles gut gegangen, leider hat es aber nicht bis ins Engadin gereicht. Ich bin schon wieder auf dem Heimweg.» Natürlich mit der RhB. (fb)

 

Nächster Halt – Hoch hinaus

Heben Sie ab mit Orlando Molinari.

rhb.ch/gleitschirm

 

Tandemflüge mit Orlando Molinari

In Graubünden gibt es zahlreiche Hotspots für Gleitschirmfans. Wer einmal probehalber die Welt von oben sehen will, kann das bei einem Tandemflug mit dem ausgebildeten Piloten Orlando Molinari tun.

molinari.orlando@gmail.com

 

 

invia
Publiziert am: 30.04.2026

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