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Gipfelstürmer mit Kamera

Zwischen Piz Beverin und Shishapangma

invia – öV Graubünden

Im Leben von Arno Mainetti gibt es drei Lieben: die Familie, die Berge und die Fotografie. Berge und Bilder teilt er mit den Leserinnen und Lesern seiner Fotobücher.

Der Händedruck wie ein Schraubstock. Die Stimme tief und warm. Das Gesicht wie eine Landschaft, in der sich die Berge und Täler, Höhen und Tiefen von über 82 Jahren intensiven Lebens abzeichnen. Arno Mainetti ist Ehemann, Vater, Nonno, Fotograf, Bergsteiger, Architekt und hat zwischen dem Piz Beverin und dem Piz Bernina die ganze Bündner «Pizeria» gesehen. Aber auch den Pik Lenin in der damaligen Sowjetunion, den Aconcagua in Argentinien, den Mont Blanc in Frankreich/Italien, den Shishapangma in Tibet und, und, und.

Seine Abenteuer hat Arno Mainetti mit der Kamera festgehalten. In drei Bildbänden macht er diese für Menschen zugänglich, die Freude an Bergen haben, aber weder die Zeit noch den Mut, diese selbst zu besteigen.

Die Berge sind der Grund

Was treibt einen Menschen dazu, tagelang in einem Biwak auf 4 000 oder 5 000 Metern auf besseres Wetter zu warten? Zu frieren, Hunger und Durst zu haben, 15 Stunden in Steilwänden zu hängen? Mainetti hebt die Schultern, bevor er antwortet, und sagt: «Die Berge. Einfach die Berge.» Später wird er berichten, dass seine Berge nicht einfach Fels und Eis und Eroberung sind. «Ich war nie ein Speedkletterer, wollte nie die Eigernordwand in ein paar Stunden bezwingen, irgendwelche Rekorde brechen. Mir ging und geht es immer um das ganze Rundherum: das Land, die Menschen, die Blumen, die Tiere, die Stimmungen, die Kameradschaft. Klar war ich auch stolz, wenn ich nach tage- oder wochenlangen Strapazen irgendwann auf dem Gipfel ankam. Aber je länger ich in den Bergen unterwegs war, desto unwichtiger wurde das Ziel.» Das hat vielleicht mit der anderen grossen Liebe des Churers zu tun: der Fotografie. In seinen Bildbänden sind nicht nur Felsen, Gletscher und Weiten zu sehen, sondern grosse, aber auch ganz kleine Tiere. Oder ein vereister Tannenzapfen.

Der Weg zum Fotograf und Bergsteiger

Das Bergfeuer im kleinen Arno hat damals der Grossonkel Kaspar Meuli entfacht, der den Achtjährigen auf kleine Bergtouren bis zum Piz Beverin mitnahm. Einmal gelegt, ist das Feuer nie mehr erloschen. «Da meine Eltern weder Zeit noch Lust hatten, war ich oft und gerne alleine unterwegs. Aber nach meiner Rückkehr wollte ich davon erzählen», erinnert sich Mainetti. «Mit Fotos unterlegt ging das natürlich noch viel besser.» Darum war die Kamera immer dabei, wenn er unterwegs war. Mainetti wurde in eine Bauunternehmerfamilie hineingeboren und studierte Architektur. Wahrscheinlich hätte er auch als Romancier Erfolg gehabt. Denn die Leserschaft seiner Bildbände fiebert, hofft, fürchtet oder lacht mit, wenn Mainetti von Prättigauer Wilderern erzählt. Oder von einem kleinen, fremden Hund berichtet, der ihn humpelnd auf den Piz de la Margna begleitet. Oder die wunderschöne Sennerin beschreibt, die sich in den Bergsee Lägh da la Duana verliebt.

Irdische Engel

Manchmal geht es in Mainettis Leben und Büchern auch ziemlich zynisch – oder auch einfach nur realistisch? – zu und her: «Als uns ein Jeepfahrer in der Nähe des Mount McKinley in Alaska absetzte, sagte er zum Abschied, er hole uns in drei Wochen genau hier wieder ab. Falls wir dann noch leben würden.» Mainetti grinst heute noch darüber. Aber es ist schon so: Berge sind nicht einfach nur romantisch und schön. Berge sind auch gefährlich. Am Mont Blanc geriet Mainetti in einen Steinschlag, wurde schwer verletzt und war schon «halb im Himmel», wie er sagt.

«Als ich im Rettungshelikopter erwachte, sah ich weissgekleidete Menschen um mich und war einen Moment lang sicher: Das sind nun die Engel.»

Was ja auch irgendwie stimmte: medizinische Rettungsengel.

Freunde gewonnen – und verloren

In scheinbar aussichtslosen Situationen hilft manchmal auch der Humor. «Ich war mit Norbert «Noppa» Joos im Januar 1996 in der Eigernordwand unterwegs. Der Nebel hielt uns gefangen. Wir übernachteten in der Wand, doch der Nebel blieb. Anstatt zu verzweifeln, machte Noppa ein paar lustige Sprüche, das rettete die Situation und wir erreichten dann auch irgendwann unser Ziel.» Manchmal aber helfen auch die schönsten Sprüche nichts. Mainetti hat in den Bergen Freunde gefunden – und verloren. Norbert Joos etwa ist, wie ein paar andere, abgestürzt. Besonders nahe geht Mainetti der Erfrierungstod von Andrea Bianchi.

«Andrea rief mich am Vortag an und wollte mich zum Eisklettern ins Hochtal Avers mitnehmen. Ich hatte keine Zeit, und so ging er allein. Wäre ich dabei gewesen …»

Es war denn auch ein solches Erlebnis, das im Churer ein Umdenken bewirkte. «Am Shishapangma stürzte ein tschechischer Kletterer in die Ewigkeit. Damals begann ich mich zu fragen: Was mache ich eigentlich? Ich habe eine liebe Frau, die mir immer den Rücken freigehalten hat, zwei liebe Kinder, zwei wunderbare Enkel – was tue ich ihnen an, wenn ich dauernd wieder weg bin und meine Passion lebe. Oder daran sterbe?»

Die Berge bleiben in seinem Leben

In die Berge geht der Bündner zwar nach wie vor, und dafür ist er unendlich dankbar. «Was ich heute machen kann, betrachte ich als Zugabe des Lebens. Als Geschenk.» Es müssen auch nicht mehr Achttausender sein, es reichen die Berge in der Umgebung. «Wie in meiner Kindheit der Beverin. Oder der Montalin. Auf diesem Churer Hausberg war ich wahrscheinlich schon ein paar Tausend Mal. Bei Wind, Schnee oder Sonnenschein. Berge sind immer wieder anders – sogar von einem Tag auf den anderen. Eines aber bleibt gleich: Sie sind immer schön.» (fb)

 

Nächster Halt – Piz um Piz

Arno Mainetti hat drei Bildbände mit dem Titel «Piz um Piz» geschrieben und fotografiert. Derzeit ist nur der dritte Band erhältlich. Die anderen können in den meisten Bibliotheken ausgeliehen werden.

somedia-buchverlag.ch

invia
Publiziert am: 19.10.2026

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