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Das Beste aus zwei Welten

Andrés Trejo's Erfahrungen als Zugchef bei der RhB

invia – öV Graubünden

Nicht jeder steigt in den richtigen Zug ein – aber manchmal führt genau das ans Ziel. Andrés Trejo weiss dies aus eigener Erfahrung. Er ist Zugchef bei der RhB und der erste Mexikaner bei der Bündner Bahn. Bald macht er seine letzte Fahrt.

Für manche Menschen verlaufen die Bahngleise ihres Lebens schnurgerade – einmal eingestiegen, geht es ohne Umwege vorwärts. Andere nehmen den − vermeintlich − falschen Zug. Sie halten an unbekannten Bahnhöfen, steigen um oder entdecken neue Strecken und Länder. Jeder Halt, jede Abzweigung erzählt eine eigene Geschichte. So beginnt auch der Weg von Andrés Trejo aus Mexiko. Eine Lebensreise voller Veränderungen, abrupter Wechsel, Erfahrungen und neuer Ziele.

Zufälle gibt es nicht

Es ist früh am Morgen. Menschen streben dem Bahnhof Chur zu und wer dort auf Zugchef Trejo trifft, wird mit einem Lächeln in den Tag begleitet. «Andrés ist ein herzlicher Mensch und hat immer gute Laune. Man muss ihn einfach gerne haben», beschreibt ihn sein Kollege Christian Ticar, während Trejo die Bremsen prüft und den Lokführer informiert, dass in Filisur eine grössere Gruppe aussteigen wird. Vor der Abfahrt wechseln Ticar und Trejo ein paar freundliche Worte, bevor jeder in «seinen» Zug einsteigt und der Arbeitstag seinen Lauf nimmt.

Heimat Mexico

Trejo stammt aus Chihuahua, nahe der Grenze zu den USA. Dass er einmal – oder genauer zweimal – im Kanton Graubünden landen würde, ist für ihn kein Zufall. «Das war Vorsehung», sagt der 48-Jährige und zeigt himmelwärts. Kein Zufall also, aber ein aussergewöhnlicher Weg: Von Nordmexiko nach San Cristóbal de las Casas im Süden des Landes, weiter nach Arizona in den USA – und schliesslich in den siebten Himmel der Liebe. Dieser lag damals in der Surselva, woher seine Exfrau stammt, die er in Mexiko kennengelernt hatte. Es folgten Jahre mit verschiedenen Jobs, eine kurze Heimkehr nach Mexiko und schliesslich die Rückkehr nach Graubünden. «Wenn du zwanzig bist, hast du die Kraft und den Willen, dich durchzubeissen und drei Kinder grosszuziehen», sagt Trejo rückblickend. «Du machst Arbeiten, die dir nicht unbedingt gefallen, isst Dinge, die du nicht kennst – und tauschst den mexikanischen Dauersommer gegen den Schweizer Winter ein.»

«Die Umwege, die diversen Jobs, das Durchbeissen – all das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin.»

Tortillas oder Capuns? Beides!

Seit 2009 ist er Zugchef bei der RhB und lebt mit seiner neuen Partnerin in Bonaduz. «Die Kinder, die ja schon lange keine Kinder mehr sind, kommen oft zum Essen. Dann gibt es mexikanische Speisen. Immer scharf und immer mit Tortillas.» Diese dünnen Maisfladen sind in Mittel- und Südamerika das, was Brot in der Schweiz ist. Inzwischen hat Trejo aber auch die Bündner Küche für sich entdeckt: Maluns, Pizzoccheri oder Capuns gehören längst dazu. Mehr noch – er ist selbst ein Bündner geworden. Das hört und sieht man auf seinen Lieblingsstrecken: Disentis–Chur und Chur–Arosa. Er wird von vielen Einheimischen gegrüsst, spricht Schweizerdeutsch und Sursilvan, dazu Portugiesisch, Englisch, Französisch, Italienisch – und immer häufiger auch Spanisch. Das freut ihn besonders. «In den letzten Jahren kamen zunehmend Touristen aus Südamerika. Sie sind überrascht, wenn ihnen jemand in ihrer Sprache weiterhelfen kann.» Mit dem Romanischen konnte er sich von Anfang an besonders gut identifizieren. «Diese Sprache hat mir viele Türen geöffnet und mich den Menschen und der Kultur Graubündens noch nähergebracht.»

Nächster Halt: Mexiko

Also alles gut im Leben des Bündners mit dem leichten Akzent? «Ja – es könnte eigentlich nicht besser sein», sagt er. Eigentlich? «Wenn es einmal nicht rund läuft, kommt das Heimweh», gibt er zu. «Dort, wo ich herkomme, sind Gemeinschaft, Familie und Nachbarschaft sehr wichtig. Man ist füreinander da, tröstet sich, hilft sich – freut sich und  feiert zusammen.» Und in der Schweiz? «Früher war das hier sicher auch so», mutmasst er. «Aber heute haben fast alle fast alles. Man ist hier weniger aufeinander angewiesen. Das verändert das Zusammenleben.»

Zwei Herzen schlagen in seiner Brust

Darum, und weil er seine Mutter, seine grosse mexikanische Familie und sein Heimatland vermisst, macht Andrés Trejo demnächst seine letzte Fahrt als Zugchef. Ein chronisches Rückenleiden erleichtert ihm den Entschluss. «Nach fast 27 Jahren in der Schweiz und vielen schönen Jahren bei der RhB habe ich beschlossen, in meine Heimat zurückzukehren. Wenn diese Zeilen erscheinen, werde ich bald dort sein», sagt er und man merkt, dass ihn der Entscheid fast zerreisst: «Von Graubünden und der RhB nehme ich viele schöne Erinnerungen mit: die beeindruckende Bergwelt, die Begegnungen mit Menschen aus aller Welt, die Kameradschaft unter den Mitarbeitenden und die vielen besonderen Momente auf den Zügen.» Die RhB war für den Bündner-Mexikaner weit mehr als nur ein Arbeitgeber. «Sie bleibt für immer ein wichtiger Teil meines Lebens. Als meine Ehe zerbrach, waren es meine Kolleginnen und Kollegen, die mich aufgefangen haben.»

Trejo hat nicht die Direktverbindung durchs Leben gewählt. «Aber im Rückblick ist das auch gut so», sagt er. «Die Umwege, die diversen Jobs, das Durchbeissen – all das hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Ein zufriedener Mann, der das Beste aus zwei Welten leben darf. Das ist mehr, viel, viel mehr, als den allermeisten Menschen auf die- ser Welt vergönnt ist.» Wars das dann definitiv mit Graubünden? «Man sollte niemals nie sagen», meint er. «Meine Kinder und wohl auch ein Teil von mir bleiben hier. Graubünden und die RhB werden immer einen Platz in meinem Herzen haben.» (fb)

invia
Publiziert am: 19.10.2026

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